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Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem – das „Wir-sind-sparsamer-Szenario“

Was muss bis 2050 passieren, damit wir unsere CO2-Emissionen bei Verkehr, Elektrizität, Prozess- und Gebäudewärme um mindestens 95% senken? Die Studie »Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem« unseres Instituts gibt darauf erst einmal eine ermutigende Antwort: Technisch ist es prinzipiell machbar, die Energieversorgung in Deutschland mit erneuerbaren Energien sicherzustellen. Wie teuer und aufwendig das wird, hängt auch von jedem Einzelnen von uns ab. Um besser zu verstehen, wie genau, haben wir mit unterschiedlichen Szenarien simuliert, welche Folgen unser Verhalten auf den Verlauf der Energiewende hat.

Eines dieser Szenarien geht davon aus, dass Bewegungen wie “Fridays For Future” oder auch zunehmende Extremwetterereignisse viele von uns so für den Klimawandel sensibilisieren, dass wir bereit sind, unser Alltagsverhalten zu verändern. Also zum Beispiel weniger zu fliegen, weniger Auto zu fahren, stromsparende Geräte zu kaufen und weniger zu konsumieren. Konkret haben wir für unsere Berechnungen angenommen,

  • dass unser Stromverbrauch in Deutschland im Vergleich zu heute um 45 Prozent sinkt,
  • wir etwa ein Drittel weniger Auto fahren
  • und nur noch halb so oft fliegen.

Außerdem setzten wir am Fraunhofer ISE in dieser Zukunftssimulation darauf, dass auch unser Wärmebedarf zurückgeht, weil immer mehr Häuser saniert werden und die Industrie Wärme in ihrer Produktion effizienter einsetzt.

Szenario Suffizienz: Was passiert, wenn wir als Gesellschaft unseren Energieverbrauch senken?

1. Der Gesamtenergieverbrauch in Deutschland sinkt bis zum Jahr 2050 um 40 Prozent

Laut unserer Studie ist dies die zentralste Auswirkung der gerade beschriebenen Verhaltensänderungen: Der Endenergieverbrauch läge im Jahr 2050 nur noch bei 60 Prozent von dem, was wir momentan benötigen. In der Grafik sieht man, dass unser Energiesystem dann anstelle von 2500 TWh in 2018 nur noch knapp 1500 TWh Endenergie bereitstellen müsste (die Wandlung von Primärenergie, also die Energie vor Verlusten, zur tatsächlich einsetzbaren Endenergie wird durch die Elektrifizierung von Heizung und Verkehr auch viel effizienter). Einen Großteil davon würden die erneuerbaren Energien Sonne und Wind (fEE-Strom) erzeugen.

Grafik der benötigten Primär- und Endenergie im Jahr 2018 und simuliert für das Szenario Suffizienz
Die benötigte Primär- und Endenergie im Jahr 2018 und im Vergleich dazu für das Szenario Suffizienz im Jahr 2050. ©FraunhoferISE

2. Die Austauschraten von Autos und Heizungen sinken

Um die großen CO2 Erzeuger in Verkehr, Industrie- und Gebäudewärme zu ersetzen, müssen wir Fahrzeuge, die mit fossilem Brennstoff fahren, durch Elektroautos, Züge und Nahverkehr ersetzen. Außerdem müssen Gas- und Ölkessel durch Wärmepumpen und andere nachhaltige Kälte- und Wärmetechnologien ausgetauscht werden. Wenn wir es schaffen, weniger Auto zu fahren und gleichzeitig bereit sind, unsere Häuser zu dämmen, haben wir im Vergleich zu den anderen Szenarien mehr Spielraum die schwerer zu erreichende CO2-Reduktion in den anderen Sektoren zu stemmen.

3. Die Umbaukosten des Energiesystems sinken

Die Reduktion des Verbrauchs führt natürlich zu Kosteneinsparungen. Unser Forschungsteam war selbst überrascht, wie viel günstiger die deutsche Energiewende wird, wenn wir alle bereit sind, weniger zu verbrauchen. Der größte Kostentreiber der Energiewende sind die Investitionen in das neue System. Wenn wir insgesamt weniger Solar- und Windanlagen, Stromspeicher, Verteilungsnetze, Zugstrecken, etc. bauen müssen, spart das viel Geld. Genauer gesagt: 1.140 Mrd. € im Vergleich zum Referenzszenario, bei dem wir zwar auch kostenoptimiert simuliert haben, aber davon ausgehen, dass sich unser momentanes Verbrauchs- und Mobilitätsverhalten nicht so stark ändert. Im Beharrungs-Szenario schlüsseln wir die Kosten noch einmal genauer auf.

Wenn Politik und Wissenschaft Verzicht im Namen des Klimaschutzes predigen, klingt das anstrengend. Das Suffizienz Szenario unserer Studie zeigt dabei zweierlei auf: Erstens müssen die Sparmaßnahmen gar nicht so radikal sein, um bereits große Effekte zu erzielen. Zweitens ist es auch ein enormer Kraftakt, unser Energiesystem so umzubauen, dass es CO2 neutral ist und dabei auch noch unseren steigenden Energiehunger stillt. Sich bei (energieverbrauchenden) Aktivitäten auf Wichtiges zu fokussieren, scheint da auf einmal gar nicht mehr so anstrengend.

Titelbild © iStock/Orbon Alija

Was denken Sie, welchen Weg zu einem klimaneutralen Energiesystem Deutschland
nehmen wird? Machen Sie mit bei der Umfrage zur Studie
Christoph Kost

Christoph Kost

Dr. Christoph Kost ist Leiter der Gruppe Energiesysteme und Energieswirtschaft am Fraunhofer ISE.
Er erforscht die Integration Erneuerbarer Energien in unser Energiesystem. Dazu gehören Wirtschaftlichkeitsanalysen von Energietechnologien, Aktionspläne und Implementierungsstrategien für den Zubau von Erneuerbaren, sowie auch Politikanalysen und Empfehlungen.

1 Kommentar

  • Guten Tag Herr Kost
    Wir spielen zur Zeit folgendes Szenario durch. Jeder Mensch der in Deutschland lebt erhält ein monatliches nachhaltiges Grundeinkommen von 2000 €. Dieses Grundeinkommen wird finanziert durch Ressourcen-Lenkungsabgaben. Die Ressourcenabgaben werden z.B. auf Endenergie erhoben. Als weitere Ressourcenabgaben sehen wir Wohn- und Büroflächen z.B. 1 Promille des Ertragswerts mindes 1 € pro m2 und Jahr.
    Sehr wirksam sind auch Ressourcen-Lenkungsabgabe auf importierte Futtermittel oder ganz allgemein auf importierte Produkte mit viel grauer Energie.
    Im Gegenzug werden z.B. EEG Umlage, Stromsteuern und Sozialabgaben auf Löhne abgeschafft. Alle Modelle zeigen, dass das Einkommen der Bürger steigt und die Gewinne der Unternehmen ebenfalls. Zudem gehen wir davon aus, dass die Verschwendung von Ressourcen um den Faktor 4 sich reduziert. Gerne würde ich unsere Modellrechnungen mit den Ihrigen Koordinieren.
    Mit nachhaltigen Grüssen
    Urs Anton Löpfe

Christoph Kost

Christoph Kost

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